Rosa Hölle: Kitsch im Schauspielhaus, Dienstagabend

Es wurde im Festivalcafe und um das Festivalcafe herum ein, hm, klein wenig später gestern Abend, wie man vielleicht auch dem beigefügten Schnappschuss von Axel von Ernst ansehen kann. Axel von Ernst hatte aber auch allen Grund zur Freude. Immerhin hat er die Text-Volage für den großen Kitsch-Abend im Schauspielhaus mit Senta Berger und Jürgen Tarrach geschrieben, der gestern Abend vor überfülltem Haus aufgeführt wurde. Einen Kitsch-Abend schreiben, muss das nicht die Hölle in rosa sein? Wir haben Axel von Ernst einmal gefragt, er erzählt uns:

„Ich darf mich nicht beschweren: Der Kitschabend war ein Vorschlag von mir, ich habe mich vollkommen freiwillig daran gemacht ihn zusammenzustellen. Aber ich hatte Glück und es wurde tatsächlich eher ein Vergnügen. Sich nämlich bei der Arbeit vorzustellen, wie Jürgen Tarrach ausruft: „Erdmuthe! Darf ich dir sagen, dass ich einen Sohn und Erben heiß von dir ersehne?“ ist natürlich wunderbar. Überhaupt stand immer im Hintergrund, dass es eine Sammlung von Texten für zwei besondere Schauspieler sein sollte: Senta Berger und Jürgen Tarrach. Gerade in Bezug auf Senta Berger wurde mir anfänglich allerdings etwas schwindlig, sie ist für mich eine ferne Ikone, in meiner Vorstellung eine Dame, wie ich mir Damen wünsche (nämlich gleichzeitig vornehm und völlig locker) – und nun sollte ich ihr hemmungslos Kitsch von Courths-Mahler in den Mund legen?! Aber das war natürlich auch keine Höllenqual, sondern nur ein besonderer zusätzlicher Thrill; zumal Senta Berger selbst mir dann sogar mit glänzenden Ideen für das lustige Ende des Abends zur Seite stand. Aber, na gut, es gab schließlich doch etwas Höllisches, leider nichts in rosa, sondern grau und traurig: Ich musste kürzen. Natürlich hatte ich als typischer Bibliothekswurm viel zu viel aufgehäuft und alles war lustig und interessant und erhellend und musste unbedingt gebracht werden. Mir gingen die Augen auf und über: Überall war plötzlich Kitsch! Alte Literatur – Kitsch! Neue Literatur – Kitsch! Musik – Kitsch! Kunst – Kitsch! Werbung – Kitsch! Politik – Kitsch! Selbst Zeitungsüberschriften – meistens Kitsch! Allerdings war man von der Lit.COLOGNE her der Meinung, dass ein siebenstündiges Kitschfestspiel zusammen mit theoretischen Vorlesungen zu Erkenntnissen der Kitschforschung von Goethe und Schiller über Broch bis Vilèm Flusser auch dem interessiertesten Publikum nicht zumutbar wäre – auch nicht mit Hilfe von Senta Berger, Jürgen Tarrach und Dieter Moor. Also verschwanden Vilèm Flussers schönes Diktum vom Kitsch als Methode „gemütlich zu sterben“, die oben zitierte Erdmuthe und vieles andere unter dem schnöden Richtbeil der Zeit. Gut, dass ich nun wenigstens die Erdmuthe in diesen Text hier retten konnte. Aber die übrig gebliebenen Höhepunkte meiner Entdeckungsreise in die Welt des guten und des bösen Rosa sind bestimmt trotzdem immer noch geeignet, das Publikum einzuladen, sich neu mit allen Seiten des Kitsches zu beschäftigen, ihn neu zu sehen oder vielleicht auch neu zu genießen – denn am Ende verachtet jeder von uns ebensoviel Kitsch, wie er unbewusst oder heimlich liebt. In jedem Fall ist als letzte Erkenntnis aus dieser Arbeit zurück geblieben, dass die Welt in all ihren Bereichen so voller Kitsch ist, wie man es sich zunächst gar nicht vorstellen kann. Insofern leben wir fortwährend in einer rosa Hölle und beachten das gar nicht.“

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