Peter Kurzeck: Da fährt mein Zug

Peter Kurzeck begeisterte gestern das Publikum. Gemeinsam mit seinem Verleger Klaus Sander stellte er das Hörbuch „Da fährt mein Zug vor“, welches aus freien Erzählungen Kurzecks ohne Manuskripte, Vorlagen oder Notizen entstand. Es gab bei den Aufnahmen nur ihn, Klaus Sander, der manchmal einhakte und nachfragte und eine Heizung, die alle paar Stunden brüllend ansprang und sie damit zur Eile anhielt. Wegen genau diesen außergewöhnlichen Umständen wehrt sich Sander auch im Gespräch gegen die Bezeichnung „Hörbuch“. Ein Experiment sei es gewesen, wohin das freie Erzählen sie führe. In der Comedia erzählt Peter Kurzeck noch einmal drauf los, von kleinsten Begebenheiten auf einer Reise nach Südfrankreich, wie sein Zug ohne ihn abfährt, von den Zügen seiner Kindheit. Schnell wird deutlich, dass er tatsächlich ein begnadeter Erzähler ist. Ein Stichwort von Klaus Sander genügt und schon kann man hören, wie sich Kurzeck in andere Zeiten und Welten erzählt.

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4 Kommentare

  1. Peter Kurzeck macht das Leben schöner, weil er es ernstnimmt. Er passt auf, er merkt sich die Details, er nimmt sich für alles Zeit. Darum geht es bei Kurzeck: Um die Zeit, und daß er sie sich nicht entgehen lässt. Gestern sagte er einmal, er möchte die Welt „festhalten“, das finde ich eine sehr aussagekräftige Bemerkung für seine Arbeiten. Man macht die CD aus und nimmt sich im besten Fall vor, von jetzt an selber mehr Aufmerksamkeit auf die Details jedes Augenblicks zu verwenden, ein ganzes Leben lang. Eine solches Anrennen gegen die Zeit hat eine große Tradition in der Weltliteratur – und dieser gehört Peter Kurzeck ganz eindeutig an und muss sich vor niemandem verstecken!

  2. Vorn auf der Bühne zwei Tische, die an den Seiten mit schwarzem, oben, auf der Tischplatte, mit weißem Tuch bespannt sind. An den zwei Tischen drei Personen. Ganz links sitzt, winzig, Peter Kurzeck, der gleich auf die erste Frage des Journalisten am anderen Ende des Podiums mit einem Erzählstrom einsetzt, der einen nach ein paar Worten schon mitnimmt auf die Fahrt. Kurzeck erzählt von einer Fahrt, einer Zugfahrt von Frankfurt nach Südfrankreich mit Zwischenhalt in Straßburg. Er erzählt davon, wie ihm der Zug, in dem er schon das Gepäck untergebracht hatte und aus dem er nur kurz ausgestiegen war, um sich noch einmal auf dem Bahnsteig ein wenig umzusehen, wie ihm dieser Zug davonfuhr. Er erzählt, wie er noch versucht, zurück in den bereits fahrenden Zug zu gelangen, wie er diesen Versuch aber sehr schnell aufgeben und wieder abspringen muss, zurück auf den Bahnsteig.

    Kurzecks Erzählen hat schnell Fahrt aufgenommen. Es springt von der Erzählung über das Aufspringen auf den fahrenden Zug im Straßburger Bahnhof in seine Kindheit, zu den Zügen, auf die er als Junge aufsprang, zu den anderen Kindern, mit denen er dieses Spiel spielte. Aber er kommentiert auch, gibt eine Vermutung ab, warum er eigentlich den wartenden Zug in Straßburg noch einmal verlassen hat. Er habe vielleicht sich selbst von außen sehen wollen, sagt er. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er vom Bahnsteig aus sich selbst beim Sitzen im Zugabteil hätte beobachten können. Und genau das, fällt einem dann beim Zuhören ein, gelingt ihm ja, wenn er von sich erzählt, wenn er sich erinnert. Dann schaut er sich selbst beim Leben zu. Deshalb unterläuft es ihm beim Erzählen ab und an, dass er sich förmlich selbst anspricht – den, von dem er erzählt: Du denkst Dir… Wieder einmal hast Du…

    Das Sich-Erinnern und das Erzählen sind für Peter Kurzeck eine Lebensform. Der Verleger, der mit ihm zusammen nun schon das zweite akustische Erzähldokument produziert hat, sagt: Er erzählt eigentlich immer.

  3. man lese und höre!
    nämlich, dass das (bisher) meine favoritveranstaltung im rahmen der diesjährigen lit.COLOGNE ist. und dann höre man natürlich das hörbuch, den roman, wie ihr es auch nennen mögt – am besten überhaupt alles aus dem supposé verlag, wie martin stankowski (der den abend wirklich gut moderiert hat, auch das hier noch lobend angemerkt) geraten hat. bedingungslose zustimmung!
    zu despektierlich eure anmerkung zum medium hörbuch! auch orginaltexte können hörbücher sein, auch gespräche. auch romane, die es vorher nicht gibt. undsoweiter undsofort.

  4. Der bunte Martin moderiert und der blasse Klaus gibt Stichworte. Beide werden eigentlich gar nicht benötigt: Peter Kurzeck erzählt aus innerer Quelle, verhuscht am Tisch sitzend, fahrig die Hand an der Stirne reibend, lässt er uns teilhaben an dem Sog seiner Geschichten. Alle verfallen diesem schalkhaften Erzählduktus, lauschen, gebadet in eigenen Erinnerungen. Ab und zu aufwallender, zustimmenden Applaus: Ja, so etwas Ähnliches habe ich auch schon erlebt, mag sich mancher gedacht haben.
    Selbst versagende Mikros werden flux eingebaut mit Bezug auf das Thema des Abends. Rückkoppelungen rauschen als D-Züge vorbei. Da war mein Entschluss klar: Von PK will ich mehr hören und lesen. Gut der Donner auch wider den Buchstand, der keinen Querschnitt des Werkes anbot. Aber es gibt ja tausend andere Quellen.
    Das schöne, es gibt kein Ende in Kurzecks Erzählkunst, sie entfaltet sich immer weiter, spreitend, knubbelnd, sprießend – wie das Leben. Das Erzählen ist sein Selbstfinden im Selbsterfinden. Das ist Künstlertum. Lädt alle ein zum Mithören, Mitempfinden, Mitfinden und Miterfinden. Soviel Resonanz ist beglückend. Mögen Peter Kurzeck noch sehr viele Stunden des berückenden Erzählens und Schreibens vergönnt sein – für sich und uns. B.R.M.U.


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