Michal Witkowski mit Queen Barbara in Ehrenfeld

 

Es war toll!  Die Lesung mit Michal Witkowski hat großen Spaß gemacht. Obwohl das Publikum für lit.COLOGNE-Verhältnisse nicht allzu groß war, war die Stimmung im Theater Arkadas euphorisch,  der Büchertisch wurde restlos ausverkauft. Und das zu recht: die vorgestellten Textausschnitte versprachen viel. Da geht es um den alternden Hubert, der in der Wendezeit in Polen versucht, das große Geld zu machen. Es mangelt nicht an Ideen, er versucht sich als Imbissbetreiber (Baguette überbacken mit zertrampelten Champignons), will ein Solarium eröffnen, eine Pfandleihe und lässt junge Burschen aus Weißrussland für sich arbeiten. Tagsüber geht er also seinen teils krummen Geschäften nach, lebt das Leben eines kleinen Mafioso in der polnischen Provinz, eigentlich aber fühlt er sich als etwas besseres, genauer gesagt: er fühlt sich wie Königin Barbara, eine sagenumwobene Gestalt aus der polnischen Geschichte. All das erzählt Hubert uns selber, besser gesagt, er schreibt es auf einem bei ihm verpfändeten Computer, dem wohl ersten im polnischen Kohlenpott der 80er Jahre. Hier wird es auch so richtig interessant, denn genauso wenig wie man Hubert als Geschäftsmann trauen kann, kann man ihm als Erzähler trauen. Es bleibt ungewiss, was Hubert erfindet und ausschmückt, und wo er die Wahrheit schreibt.

Schon die kurzen Textausschnitte haben gezeigt, wie wild dieses Buch ist, in Handlung und Sprache. Gerade als Witkowski eine Seite auf Polnisch las, wurde Hubert lebendig: etwas nasal, viel weibliche Attitüde, so erzählt er, wie seine Handlanger einen Studenten, Vorbesitzer des Computers, verprügeln. Eine eher erfolglose, männliche Königin in der Welt der Kleinganoven. 

Olaf Kühl, Moderator und Übersetzer des Buches, führte durch den Abend. Er scheint schon mehrere, ähnliche Abende mit Michal Witkowski bestritten zu haben, jedenfalls wirkte es an mehreren Stellen, als kannte dieser die Fragen schon. Trotzdem antwortete er ausführlich, detailverliebt und gerne auch lachend über seine Recherchen bei Mafiosi und arbeitslosen Kohlekumpeln, im Wallfahrtsort Lichen und in den Arbeiterstädten Schlesiens. Doch Olaf Kühl stellte auch kritische Fragen, wie die, warum er seinen kleinen, entdeckungsfreudigen Independentverlag Ha!art verlassen hat und nun in einem der größten, kommerziellen Verlage Polens veröffentlicht (es sei eine Sache des Geldes und auch der Zusammenarbeit, war die etwas ausweichende Antwort).

Über die Wirkung seiner Bücher allerdings macht Witkowski sich keine Illusionen: zwar gab es einige Aufregung um seinen Roman „Lubiewo“, welcher für polnische Verhältnisse ungewohnt offen über die Schwulenszene in der Volksrepublik Polen erzählt, andererseits sei die Situation der Homosexuellen in Polen noch immer so schlecht, dass er gar nicht erst darüber reden wolle. Bewirken könne er da mit seinen „Tuntenromanen“ gar nichts, da diese nur von liberalen Intellektuellen gelesen und diskutiert und von der breiten Masse gar nicht erst zur Kenntnis genommen würden.

Ich jedenfalls freue mich sehr auf das Buch, vor allem Witkowskis verkünstelter, poetischer Prosa wegen, die alles mit einander verquirlt; schlesischen Dialekt, vulgären Straßenjargon, Altpolnisch, die groteske Wendezeit mit Huberts verzweifelten Geschäftsideen, sein Doppelleben mit der wahren Geschichte von Königin Barbara Radziwillowna.

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1 Kommentar

  1. der schauspieler hat schlecht gelesen im vergleich mit michal witkowski, eben wie ein schauspieler. dabei hätte er einfach nur lesen sollen. das wäre viel besser. so war er anstrengend, weil er unbedingt zeigen wollte, wie gut er schauspielen kann, das muss doch nicht sein!


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