„Deutscher Wald“ oder „Schöner Wald“? Auf den Flügeln des Gesangs – Der Libretto-Sonntag

Das Programm der lit.COLOGNE ist über die vergangenen Jahre immer reichhaltiger und tiefschürfender geworden. Spektakulär bewiesen wird das durch eine Innovation, die zum ersten Mal in diesem zehnten Geburtstagsjahr stattfindet: Heute, am Sonntag, gibt es, unterstützt von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen,  gleich vier Veranstaltungen zu einem einzigen Thema. Angenähert wird sich auf unterschiedlichste Weisen dem Libretto, dieser seltsamen Textsorte auf halbem Weg zwischen Literatur und Musik.

Und die Auftakt-Matinnee heute Morgen zeigte dann gleich einmal, wie das überhaupt funktionieren kann, das Annähern. Ein großartiger Morgen, ein ausgezeichnet zusammengestelltes Programm, fantastische Interpreten auf der Bühne – von all dem zeugte dann auch der frenetische Applaus nach der Aufführung, mit allem, was dazugehört: Aufstehen, rhythmischem Klatschen, Bravo-Rufen.

Der von Gerhard Ahrens mehr als kongenial eingerichtete Morgen glänzte dank der beiden singenden Schauspielern Angela Winkler und Stefan Kurt. Abwechselnd rezitierten und sangen sie sich von Volksliedern ausgehend hinein in die Welt des Kunstlieds, wie es mit Schubert seinen Höhepunkt erreicht hat. Immer wieder verlasen sie aus Notizen, Tagebüchern und Programmschriften der jeweiligen Zeit kleine Zitate, die erklärten, weshalb das Lied mit der deutschen Klassik und Romantik seinen großen Weg antreten konnte. Und dazwischen sangen sie dann eben, und zwar ohne jeden falschen Schmelz, sehr einfach und klar, bestechend am Lied orientiert. Unterstützt wurden sie dabei von Adam Benzwi am Klavier und dem Kammerchor des Kölner Männer-Gesang-Verei, der sehr schön mal ebenfalls in die höhere Liedkunst eintrat, mal einfachere Weisen wie „Muss i denn zum Städtele hinaus“ schmetterte. Der Morgen führte bis hin zu den Ahnvätern solcher Gesang-Vereine, u.a. auch, indem beschrieben wurde, wie allmählich das Deutsche und Patriotische in die Lieder eindrang und der Weg also bis hin zu den politischen Beweggründen führte, aus denen eben nicht nur bis 1848 „deutsch“ gesungen wurde.

Angela Winkler fragte dann sehr charmant „warum muss das eigentlich deutscher Wald heißen“, warum kann da nicht „schöner Wald stehen?“ – und damit schwang der Morgen hinüber zu jenen Liederkünstlern, die das deutsche Singen von jedem „deutschtümeln“ befreit haben. Mit Brecht und Eisler endete eine Vorstellung, die ganz sicherlich von den „Flügeln des Gesangs“ getragen war – man darf sich bei diesem Niveau schon sehr auf die nächsten drei Veranstaltungen dieses Libretto-Sonntags freuen.

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