Wie eine Boje: Javier Marias, Dein Gesicht morgen, Freitagabend in der Kulturkirche

Dass Javier Marias fast schon weltweit eine große Fangemeinde hat, ist klar, aber dennoch erstaunlich. Denn  massenkompatibel im eigentlichen Sinne ist Marias‘ Werk sicherlich nicht. Seine subtilen Verästelungen, sein Changieren zwischen Reflexion und Handlung, überhaupt sein geschliffener, vornehmer Essayismus ergeben nicht gerade die Art von Romanen, die man einfach so wegliest. Dennoch aber sind die beiden Romane, die Marias auch in Deutschland zu einem großen und geliebten Autoren gemacht haben, gerade wegen ihrer Handlung, die durch all die Reflexionsebenen immerzu hindurchschimmert, als die Formen von Weltliteratur wahrgenommen werden, die sie zweifelsohne sind: In „Mein Herz so weiss“ ist diese Handlung vor allem anderen die Recherche eines Sohnes, der in der Vergangenheit seines Vaters einen dunklen Fleck wahrgenommen hat; in „Morgen in der Schlacht denk an mich“ die plötzliche, unauflösbare Verstrickung in das Leben einer anderen Familie.

Gestern Abend wurde nun in der Kulturkirche in Nippes die Romantrilogie vorgestellt, die Marias selbst gleich zu Anfang als sein absolutes Hauptwerk bezeichnete: Man finde zwar eigene Werke niemals vollkommen, sondern fühle sich nach dem Verfassen  immer einfach nur leer und unbefriedigt, noch einmal werde er aber wohl kaum 10 Lebensjahr in die Arbeit an einem einzigen Werk investieren können.

Paul Ingendaay, der sehr gekonnt und charmant durch den Abend führte, machte aber gleich deutlich, dass die Trilogie „Dein Gesicht morgen“ mit ihren unglaublichen 1.600 Buchseiten – und das im Marias-Stil! – eindeutig einen Meilenstein in Marias‘ Arbeit darstellt, der die von uns gelesenen Marias-Romane bei weitem übertrifft. Ingendaay führte aus, dass erst in diesen Maßen überhaupt erst Reflexionen entfaltet werden könnten. Er versuchte, einige Rahmen der Ideen des Romans abzustecken: Der spanische Bürgerkrieg und der zweite Weltkrieg spielen wichtige Rollen, Verrat und Geheimnis, Waffen und Töten. Protagonist ist ein Spanier, der für den englischen Geheimdienst beauftragt ist, aus Gesichtzügen etwas über das Wesen und die Zukunft von Menschen zu verstehen – eine sehr marias’sche Idee, ganz ähnlich wie die Dolmetscher aus den früheren Romanen.

Gelesen wurden zwei Auszüge, die die Erfahrungen und Reflexionen dieses Mannes aber nur streifen konnten, das konnte bei einem solchen Koloss von Werk natürlich nur ein winziger Auszug sein.  Der Schauspieler las  etwas sehr emotional und bedeutungsvoll, während zu Marias doch vielleicht ein ironischerer, kühlerer Ton gepasst hätte. Aber was er las! Der erste Auszug war einfach nur ein Beispiel für den Sarkasmus und die Ideenfreude, mit denen Marias sein Romanpersonal in Situationen stürzen (und dann lange über sie nachsinnen) lässt: Der Geheimdienst-Gesichtsleser war mit einem platten britischen Popidol konfrontiert, das er aushorchen sollte, von dem er aber vor allem mit dessen doch sehr zynischen Einschätzungen britischer und spanischer Groupie-Sex-Willigkeit konfrontiert war, woraus wiederum ganze Nationalcharaktere abgelesen wurden. Die zweite, unglaubliche Szene, war dann ein Zwiegespräch des Gesichtslesers mit seinem kurz vor der Todesagonie stehenden Vater, in dem der Sohn seinen Vater über einen Verrat im Spanischen Bürgerkrieg befragte, dem der Vater ausgesetzt gewesen war. Man kann das hier nicht nacherzählen, es ging in kleinste Verästelungen hinein, zweigte ab, schlug eine Reflexionsvolte um die andere. Jedenfalls aber war das das letzte Gespräch zwischen Sohn und Vater vor dem Abfug des Sohnes nach London, noch im Flugzeug dachte er über Verrat und Treue, über Familien und Charakter nach, die ganze Szene weitete sich immer weiter zu einer unglaublichen, zugleich kühl beobachtenden und schmerzensvoll hingegebenen Toten- und Lebensklage.

Ingendaay verglich dieses System, immer weiter weg von der Wirklichkeit immer neue Reflexionsstufen einzunehmen, dann aber wieder zur Handlung zurückzukommen, mit einer Boje, die unter Wasser gedrückt wird, unweigerlich aber wieder aufsteigen muss. Marias und er sprachen dann noch über die Art, einen solchen Roman im „Blindflug“ zu schreiben: Marias macht sich nahezu keine Notizen oder plant seine Handlung, er notiert lediglich einige wenige Schlüsselsätze und legt dann einfach los. Weil er  mit der Schreibmaschine arbeitet und bis heute noch nicht einmal eine Email-Adresse besitzt, kann er sich nur vorwärts orientieren, der Roman entsteht ihm gleichsam aus dem aktuellen Bewusstsein heraus. Natürlich entstehen genau so die Sog-Sätze und die nach vorne geschachtelten Handlungsstränge seiner Bücher, zugleich führt die Technik aber auch zum ganzen System der Informationsvergabe, da Marias oft gar nicht mehr weiß, was genau er vor hunderten von Seiten über eine Person gesagt hat. Seine Skrupel, sein ewiges „Vielleicht“, sein Changieren und im Rätselhaften verharren, ist dieser großartigen Schreibstrategie geschuldet.

Ein wunderbarer Abend, der sicherlich auch den vielen Spaniern in der Kirche sehr gefallen hat, die sowohl auf Spanisch als auch auf Deutsch auf ihre Kosten kamen. Und damit der einzige Kritikpunkt: Ganz sicherlich ist es ungünstig, den Autor eines fremdsprachigen Abends erst ganz am Ende einer langen Lesung in seiner Sprache lesen zu lassen, am Anfang hätte man seinen „Sound“ hören können, am Ende hatte man diesen schon ein wenig verstanden, war ohnehin erschöpft, und verstand vor allem bis auf die anwesenden Spanier bis zum Schlussapplaus nicht die Bohne.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt noch keine Kommentare.

Comments RSS TrackBack Identifier URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s