Herta Müller trifft Ai Weiwei

Gestern Abend trafen sich auf der Bühne des Schauspielhauses Nobelpreisträgerin Herta Müller und der chinesische Künstler Ai Weiwei. Ein Abend über Kunst und Politik sollte es werden, ein großes Gespräch über das Leben und künstlerische Schaffen in totalitären Systemen, über die Verantwortung des Künstlers. Zunächst wurden Gemeinsamkeiten gefunden: Beide Künstler wuchsen in einer Diktatur auf, in Familien, „die mit dem Staat nichts zu tun“ (Herta Müller) hatten, beide stellten Arbeiten vor, bei denen es sich fast um eine Dokumentation der eigenen Verfolgung und Bewachung handelt. In Herta Müllers Essay „Der fremde Blick“ waren das ein Fahrradunfall, ein schmerzhafter Friseurbesuch, ein verwanztes Telefon, das bei wichtigen Gesprächen in den Kühlschrank gestellt wurde. Ai WeiWei zeigte unter anderem Fotos von seinen Bewachern, Polizisten, die vor seinem Hotelzimmer sitzen, am Bahndamm in seiner Straße, die mit ihm Fahrstuhl fahren, aber auch Fotos von seinem zerissenen Hemd und die Röntgenbilder seines Schädels, nachdem er von Polizisten verprügelt und dabei eine Hirnblutung erlitten hatte.

Leider kam das Gespräch danach nicht so recht in Fahrt, was nicht an den Künstlern lag, sondern an einer enttäuschenden Moderation. Der Moderator Michael Krüger, zweifelsohne ein Herta-Müller-Experte, schien sich mit Ai Weiwei, der politischen Situation in China und auch mit dem Internet als neue Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung wenig auszukennen. Seine umständlichen und manchmal banalen Fragen bremsten das Gespräch zwischen Herta Müller und Ai Weiwei eher aus, als dass sie es angefeuert hätten. Dabei schienen die Protagonisten durchaus interessiert an einer Diskussion, Erinnerungen an chinesische Glasaugen in Rumänien und rumänische Filme in China wurden ausgetauscht, über die Würde im Zwang gesprochen.

Ein Thema, das leider auch nur kurz angesprochen wurde, sicherlich aber mehr Diskussion verdient hätte, ist das Internet als letzte Möglichkeit zur Veränderung in totalitären Staaten wie China. Ai Weiwei erzählte, dass die Internet-Zensur ständig zunehme und er ständig beschäftigt sei, sich neue Accounts und Blogs zuzulegen, dass das Internet aber der einzige Weg sei, in China zu erfahren, was wirklich passiert.

Es wäre interessant gewesen, mehr darüber zu erfahren, warum die Künstler gerade ihren Weg gewählt haben, sich mit der Politik auseinander zu setzen, und was sie über den Weg des jeweils anderen denken. So war es ein guter Abend, der jedoch noch ein viel größerer hätte werden können.

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3 Kommentare

  1. ich kann dem autor da nur zustimmen. ai wei wei ist eine neue stimme, weil er das internet eben nicht aus technikdünkel plattmacht. er benutzt die neuen vernetzung als möglichkeiten, die veränderungen hervorbringen können. soweit das eben geht in china, es ist die einzige möglichkeit. der moderator hätte sich darauf besser vorbereiten sollen. er und genauso auch herta müller sollten eben zur kenntnis nehmen: die reformbewegungen im iran und ebenso die dissidenten in china sind gar nicht denkbar ohne neue technologische möglichkeiten. wer in solchen situationen gegen das internet argumentiert, zementiert die bestehenden verhältnisse. sorry für herta müller aber ai weiwei packt die probleme an über die sie nur schreibt.

    • was heißt: nur schreibt? wofür sind wir hier? es bestehen doch 2unterschiedliche ausgangspositionen: bei A.W. die aktuelle lage, in der das schreiben u leben nur mit informationen aus dem net möglich ist. bei H.M. literarisches aufarbeiten, schreiben gegen das vergessen—–nur? anders, und ohne internet möglich. daher stimme ich wiederum dem autor zu, dass genau hier der spannende austausch zwischen den betroffenen hätte beginnen können, aber durch den moderator überbügelt wurde.

  2. Da kann ich aber nicht zustimmen! Und das Publikum auch nicht: Das war doch eine richtige Begegnung zwischen Herta Müller und Ai Weiwei, ein tolles Gespräch! Das ja auch tiefging, beide haben Position bezogen. Und unterhaltsam war der Abend dabei sogar auch noch, das lag ja wohl eindeutig an den Beiden!


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