ALLES AUS

Und dann war plötzlich alles zu Ende. Einmal noch drängten sich alle im Festivalcafe; so voll wie gestern Abend war es dort die ganzen elf Tage niemals gewesen. Es wurde gegessen und geredet und kennengelernt und erzählt, das alles gehört zur lit.COLOGNE wie  eben dauch die Lesungen. Und plötzlich, fast schon zu früh, dachte man, kamen dann schon die Grußworte der Geschäftsführer: Das Festival bedankte sich, alle Mitwirkenden auf und hinter und vor den Lesungsbühnen wurden ganz kurz erwähnt. Eine Stimmung wie bei einem Familienfest, bloß wirklich und wahrhaftig nett. Eigentlich keine Nostalgie, eher das beruhigende Gefühl von: Das machen wir jetzt alle immer wieder, bald sehen wir uns, die Sache hört in Wahrheit nie auf. Darum auch am Ende der Grußworte kein falscher Pathos, sondern einfach Schluß, Aus, Ende, und dann ging auch schon die Musik los. Die Leute vom Festival tanzen  jetzt gerade wahrscheinlich immer noch.  Und freuen sich aufs nächste Jahr, und bereiten die nächste Spielzeit ab morgen vor. Europas größtes und freundlichstes Literaturfest ist jetzt erst einmal zu Ende, soll heißen: Das Festival kommt fast sofort schon wieder, für eine weitere lange, volle, gute Woche im März, und alle,  alle kommen auch, die Festivalmacher, die zehntausenden Kölner Lesungsbesucher, die Moderatoren, die Autoren, die Bücher der Autoren … Das werden gute Tage, im März 2011.

Letzter Abend: Freak Out!, Schauspielhaus

Paul Bowles oder Ferdinand von Schirach, Luc Bondy oder Antje Ravic Strubel? Auch am letzten Abend wäre jede Entscheidung für eine Lesung ganz und gar dadurch getrübt gewesen, was man sonst alles verpassen könnte. Wir sind dann einfach noch einmal zur bereits von der reinen Zuschauerzahl her größten Veranstaltung des Abends gegangen; denn ob man das jetzt literarisch findet oder nicht, das Publikum, seine Euphorie und seine schiere Anzahl gehören untrennbar zurlit.COLOGNE. Wir waren also im Schauspielhaus bei den Freaks, jener verqueren Mischung aus Unmoralischen, Abseitigen und Randständigen, durch die und deren Welitliteraturgeschichte Andreas Platthaus in anderthalb Stunden bestens gelaunt führte. Gemeinsam mit Anna Thalbach und Christian Brückner war das ein in jedem Fall unterhaltsamer und ganz wie sein Thema ganz und gar aus der Reihe brechender Abend, auch wenn Brückner und Platthaus beide für wahre „Freaks“ vielleicht doch manchmal etwas sehr getragen (und gut!) lasen, Abnormität muss man sich wohl bisweilen (wirklich nur bisweilen!) eher als innere Glut vorstellen. Oder war das eine Mimikry-Strategie? Letzteres beweisen vielleicht auch folgende Protokollzeilen, die einer der Autoren des „Freak“-Skripts von gestern, Benjamin Dittmann, uns direkt im Anschluss an die Veranstaltung in den Block diktiert hat. Dittmann lässt ausrichten:

Mein Entsetzten ist unbeschreiblich! Ganz offenbar hat das verständnislose Cölner Publicum die erste öffentliche Weihestunde der Acadamia Monstris et Vagabundis für eine Art Karnevalssitzung gehalten.Und nachher wollten sie wissen, wann wir unseren Beschwöromatoren „ins Netz“ stellen würden… nicht zu fassen! In einer ersten medialen Krisensitzung haben die Freaks beschlossen, sich wieder auf die submolekulare Konspirationsarbeit im Literaturäther zu konzentrieren. Sie werden von uns hören. Gooble Gobble!

TAG ZEHN

Aus, weg, zu Ende. Heute gibt’s alles zum letzten Mal, wenn man jedem Tag mit dem Festival zu tun hatte, kann man sich das überhaupt nicht vorstellen. Was soll man denn jetzt danach machen? Wie war das nochmal, das ganz normale, echte, eigene Leben? Wie eine Riesenwelle ist das Festival über seine Macher, aber ebenso über all die Autoren, Moderatoren, irgendwie Beteiligten hinüber gebrochen und hat alles weg gespült. Und das gilt genauso auch für die Lesungsbesucher: Immer wieder konnte man bei Lesungen und zwischen Lesungen Gespräche belauschen, in denen sich Lesungsbesucher ganz selbstverständlich darüber austauschten, wo sie gestern waren, was sie morgen besuchen wollen, wie heute Nachmittag die Lesung war … Die lit.COLOGNE ist hier in Köln eine große, enthusiastisch angenommene Institution, Köln ohne lit.COLOGNE, das will man sich jetzt gerade gar nicht richtig vorstellen. Aber das Lesefest kommt ja wieder, das dauert ja nur noch ein Jahr. Und: Das Lesefest ist ja noch gar nicht richtig zu Ende, wir haben ja noch einen Abend …

Ferdinand von Schirach ist alles andere als nur ein schriftstellernder Anwalt, eher ein kalter, virtuoser, und wieder und wieder überraschend rechtsmoralischer Chirurg von Menschen und ihren Missetaten. Mit Frank Plasberg, einem ebenfalls kühl und unbestechliche Nachfrager, wird er um 18 Uhr im Klaus-von-Bismarck Saal seinen Debüterfolg „Verbrechen“ vorstellen. Um 19 Uhr dann liest der große europäische Theatermacher Luc Bondy aus seinem ersten, von der Kritik hoch gelobten Roman „Am Fenster“. Um 19:30 Uhr folgt dann im Schauspielhaus der letzte einer Reihe von großen Abenden der lit.COLOGNE im dortigen Haus: Anna Thalbach, Christian Brückner und der FAZ-Redakteur Andreas Platthaus führen in die weltliterarische Gegen-Geschichte des Wahnsinns, der Unmoral und der Verdammung ein.   In der schönen Reihe der lit.COLOGNE-Patenschaften, in denen sich etabliertere Autoren jüngere Pendants als Tandempartner wählen, bringt Antje Ravic Strubel den jungen Hamburger Finn-Ole Heinrich mit. Und ganz am Ende, um 21 Uhr, wird Hakan Nesser dann seinen neuen Mordfall mitbringen, „Das zweite Leben des Herrn Roos“ wird vorgestellt von Margarete von Schwarzkopf, die deutsche Stimme leiht den Texten Dietmar Bär. Tja, und am Ende dann geht’s noch einmal ins Schokoladenmuseum, wo DJ Hans Nieswandt und ganz sicherlich auch jede Menge Freude über diese gelungenen Literaturtage warten.

Hinter den Kulissen: Edmund Labonté, einer der Geschäftsführer der lit.COLOGNE

Alles nähert sich dem Ende, der Countdown läuft. Wir haben in den vergangenen zehn Tagen alle Programmmacher der lit.COLOGNE interviewt, einfach, um mal zu gucken, wie das entsteht, so ein größtes Literaturfest Europas, und was für Köpfe da Jahr für Jahr mit neuen Ansätzen und Ideen für Köln aufwarten. Zum Abschluss dieser kleinen Reihe hier im Blog heute ein Interview mit Edmund Labonté, einer der drei Geschäftsführer der lit.COLOGNE, den wir heute Abend dann wie alle anderen Festivalmenschen ganz, ganz sicher für viele letzte, schöne, wehmütige Stunden bei der Abschlussparty im Festivalcafe antreffen werden.

Wie hat das eigentlich alles angefangen mit der lit.COLOGNE?

Wie das alles losgegangen ist? Also, die Geschichte ist die: Ich hatte mich irgendwann in den frühen Neunzigern selbstständig gemacht, mit einem Büro für Verlagsmarketing. Und Ende der Neunziger kam dann Werner Köhler als Geschäftspartner dazu, und noch später dann Rainer Osnowski … Und da gibt es jetzt eben diese für uns legendäre Geschichte, dass Rainer und Werner mal in der Eisdiele gesessen sind und überlegt haben, was wir denn noch machen könnten. Und dann hatten sie plötzlich die Idee eines Literaturfestivals. Es gibt Festivals für alles, Theater, Musik, Film, Tanz, warum sollte die Literatur das nicht auch können?

Und dann habt ihr einfach das Festival gestartet?

Naja, wir hatten jetzt erst mal gute Ideen für ein Literaturfestival, aber damit noch lange kein Geld, um diese Ideen auch umzusetzen. 2001 war ja der Neue Markt zusammengebrochen, diese ganze Internetgeschichte war den Bach runtergegangen, es war eigentlich damals so gut wie kein Geld zu kriegen. Aber über einen Freund von mir haben wir das dann im ersten Jahr völlig gegen den Trend doch hinbekommen und einen Sponsoringpartner gewinnen können. Und in den nächsten Jahren ging das dann so weiter, dass anfangs unser Verlag, der später dann „LKO“ hieß, Geld rübergeben musste für das Festival. Irgendwann stand die lit.COLOGNE dann auf eigenen Füßen.

Öffentliche Förderung habt ihr nie beantragt?

Ich glaube, man kann schon ein wenig stolz sein, dass bei uns kein Geld vom Staat verbraten wird. Genau das ist aber auch von Anfang an unsere Zielsetzung gewesen. Wir wollten nicht von Subventionen abhängig sein, das schafft ja nur Abhängigkeiten. Man wird dann unweigerlich kontrolliert, man hat sofort mit der Politik zu tun, und eben auch mit den ganzen Schranzen, die dann unweigerlich überall mitreden und mitmachen wollen. Naja, und außerdem: Man kann einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen. Und die Stadt Köln, die ist ja nun wirklich nackter als nackt, da gibt es einfach für die Kultur nichts mehr zum aus den Taschen herausholen. Gerade jetzt in der Krise sind wir einfach nur froh, dass wir das Festival von Anfang an privat finanziert haben, im Gegensatz zu allen subventionierten Bereichen läuft das ja auch jetzt noch gut.

Was sind Deine Aufgaben in der Geschäftsführung?

Eine gewisse Aufteilung haben wir schon getroffen. Rainer und Werner sind inzwischen vor allem für das lit.COLOGNE-Programm zuständig, ich mache den Verlag, aber alle größeren Entscheidungen und Ideen machen und haben wir eigentlich zu dritt. Für mich ist das mit das Schöne, dass unsere Arbeit eben gerade kein ganz klassisches Geschäftsmodell verfolgt. Und das wirkt sich auch direkt auf die Arbeit aus: Es gibt keine jemals ganz klaren Aufteilungen der Arbeitsbereiche, es kann schon passieren, dass wir zusammen vor dem Computer sitzen und ein Plakat machen oder so etwas. Es gibt da eine bunte Vielfalt, genau, wie das Festival bunt und vielfältig ist, im Idealfall ist eben auch die Arbeit dafür so.

So eine Einschätzung passt eigentlich gar nicht so sehr zum klassischen Image von Lesungen.

Lesungen finde ich eigentlich langweilig, häufig kann man da schon denken, dass andere Formen der Vermittlung besser wären. Aber: Wenn bei einer Lesung etwas passiert, wenn es eine richtige Chemie zwischen Autoren, Sprechern, Moderatoren gibt, und wenn gleichzeitig auch noch ganz viel um die Lesung herum passiert, dass man da etwas erfährt über die Autoren und ihre Ideen, dann beginnt das alles doch plötzlich sehr interessant zu werden. Und das ist ja dann das Tolle an der lit.COLOGNE: Das in diesen zehn Tagen so viele Leute hier in Köln vorbeikommen, die einfach nett und interessant und eben auch allürenfrei sind. Vom Nobelpreisträger bis zur neuen Entdeckung kommen alle einfach und man hat mit ihnen zu tun, es entstehen unglaublich viele großartige Begegnungen. Genau das macht die Magie aus.

Wie fühlt sich das dann an, wenn das Festival läuft?

Die zehn Festivaltage stehen schon immer ganz schön monolithisch vor einem. Man weiß vorher, das wird jetzt viel. Und dann kommen ja noch die Nächste dazu, und etwas Alkohol, das ist auf jeden Fall anstrengend. Aber wenn man dann drin ist, eigentlich ab der ersten Lesung und dem ersten Abend, schlägt das Adrenalin voll durch den Körper, und dann macht das einfach nur noch Spaß, zehn gute Tage lang.

Ein erster Abschied: Die 10. lit.kid.COLOGNE ist zu Ende!

Jetzt geht sie also ihrem Ende entgegen, diese 10. lit.COLOGNE. Heute Abend prasselt es noch einmal Lesungen für die Erwachsenen, dann ist Zapfenstreich.

Bereits genau jetzt, am Samstagnachmittag aber, hört das tragende Segment der lit.COLOGNE auf – ein Ende, das zumindest in der Erwachsenenwelt häufig etwas weniger Beachtung findet, als es verdient hätte: Die lit.kid.COLOGNE ist zu Ende! Mit der Lesung von Werner J. Egli, der heute Nachmittag auf dem  Literaturschiff aus einem wild-dokumentarischen Roman für Jugendliche vorliest, in dem Hilfstransporte nach Afrika, moderne Elends-Piraterie, Sklavenhandel und Flüchtlingsschicksale vor der Küste Somalias aufeinander treffen, ist das Literaturfest für die Kinder wieder einmal für ein Jahr beendigt. Aber was das für ein Literaturfest war! Köln und die Feuilletons sprechen häufig, viel und gern über das Erwachsenenfest, beide, muss man aber jetzt einfach mal sagen,  können ebenso stolz  stolz sein (und gern auch mehr darüber sprechen!), ein Lesefest zu haben, dass mit einem einfach unglaublich reichhaltigen  Jugendprogramm ausgestattet ist.

Denn die weit über 15.000 Lesungsbesuche des Festivals im Kinderprogramm sind ja nichts anderes als vollkommen direkt und ungebrochen Leseförderung an vorderster Front. Die Geldmittel, die die lit.COLOGNE und ihre Förderer – wohl in diesem Fall vor allem die Imhoff-Stiftung und die RheinEnergie – für dieses Programm aufwenden, ist letztlich eine fortgeschrittene Investition in die Literarisierung unserer Gesellschaft. Lesungen, und gerade so liebevoll eingerichtete Lesungen und Gespräche wie die dieses Festivals, können wie kaum ein anderes Mittel das Interesse von Kindern und Jugendlichen an Literatur wecken. Auf solchem Wege wird wie auf keinem anderen ganz direkt die Lesekompetenz von Kindern verbessert, die Arbeit ist kurzum eine Arbeit am absoluten Kerngeschäft der Gesellschaft: Der Bildung.

In Deutschland wird viel Geld für Literaturförderung aufgewendet – und ein großer Teil von diesem im Vergleich zu anderen Ländern wirklich großem Kuchen für die Förderung von Autoren und Autorenvorhaben verbraucht. Man darf jedoch mit Recht fragen, ob es nicht ungleich besser ist, stattdessen zukünftige Leser von Autoren zu fördern – Menschen, die bereits früh mit Literatur in Berührung gekommen sind, später  Bücher lesen und eben auch kaufen, zusätzlich vielleicht noch Lesungen besuchen, sind doch wohl definitiv einer Konzeption von Kulturpolitik vorzuziehen, die starr und schematisch ästhetische Positionen und sonst nichts belohnt. Das  Kinder- und Jugendprogramm der lit.COLOGNE, die selbst im Gegensatz zu anderen großen Literaturfestivals kaum staatliche Gelder in Anspruch nimmt, ist endlich einmal gelebte Kulturarbeit an der Stelle, an der Kulturarbeit auch notwendig ist: An der Basis, und eben gerade nicht an den Elfenbeintürmen.

Und daher hier an dieser Stelle: Hoch die Tassen mit Kinderpunsch auf diese 10 lit.kid.cologne, und alles, alles Gute für die kommenden Jahre!

Lesung für Liao Yiwu: Kulturkirche Köln, Freitagabend

Was bereits zur Frankfurter Buchmesse 2009 geschehen war, wiederholte sich in diesem Frühjahr anlässlich der lit.COLOGNE: Die chinesischen Behörden verweigerten dem Schriftsteller und Musiker Liao Yiwu die Ausreise nach Deutschland, die Polizei holte ihn am 1. März aus dem Flugzeug mit dem er über Peking nach Deutschland geflogen wäre. Seit dem 1. März lebt Liao Yiwu unter Polizeiüberwachung, während der vergangenen Wochen hat er mehrfach Kontakt mit den deutschsprachigen Medien aufgenommen und seinen Fall und die Situation in China scharf kritisiert.

Der Skandal der Festnahme von Liao Yiwu sorgte für heftigen Protest im Ausland. Auf der lit.COLOGNE fand nun gestern Abend eine Veranstaltung statt, mit der versucht wurde,  Solidarität mit ihm unter Beweis zu stellen. Wir erlauben uns, aus einem äußerst lesenswerten Interview zu zitieren, das Liao Yiwu erst gestern der tageszeitung gegeben hat, und in dem es auch um die lit.COLOGNE bzw. Literaturfestivals überhaupt ging, und zwar aus Sicht eines chinesischen Dissidenten, die die Dinge in doch ganz andere und dringliche Bezüge setzt. Das Interview wurde von Jutta Lietsch geführt, es ist online unter http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2010%2F03%2F19%2Fa0013&cHash=32af67d7da zu finden.

Wenn Sie in China ein Literaturfestival organisieren könnten: Wen würden Sie einladen, über welche Themen würden Sie sprechen?

Ganz sicher über die Untergrundliteratur, über verbotene Literatur. Das würde sehr viele Leser anziehen. Ich würde Lesungen dieser Untergrund-Literatur veranstalten. Diese Werke und ihre Autoren würden wie die Ratten nach oben kommen. China ist in dieser Hinsicht sehr spannend! Ich würde auch die Leute dazuholen, die unsere Bücher illegal kopieren. Diese Praxis verletzt unsere Interessen. Auf der anderen Seite können unsere Werke überhaupt nur verbreitet werden, weil sie illegal kopiert wurden. Das gilt auch für Filme. Ich würde zum Beispiel sehr gern jene interviewen, die „Das Leben der Anderen“ raubkopiert haben.

Warum?

Ich möchte wissen, warum sie gerade diesen Film zum Kopieren ausgesucht haben, mit welcher Absicht sie es taten.

Sie durften nicht nach Deutschland fahren, sie beklagen die fehlende Freiheit der Rede. Hat sich in China denn gar nichts geändert?

In Zeiten Mao Tse-tungs wurde das Denken der Menschen so stark kontrolliert, dass alle dasselbe dachten. Aber jetzt gibt es viele Nischen. Die Ratten haben die Erde untertunnelt und ausgehöhlt. Oberflächlich gesehen, ist dieses Land schön geordnet, die Wirtschaft entwickelt sich, überall stehen hohe Häuser. Aber darunter gibt es überall Löcher. Deshalb finde ich die Gesellschaft an der Basis interessanter als alles andere in China. Da unten können sich die Menschen entspannen, über die Regierung debattieren, über alles sprechen. Das gab es zu Zeiten Mao Tse-tungs nicht.

SILBERSCHWEINPREIS

Gestern wurde der 1. Silberschweinpreis in der Geschichte der lit.COLOGNE vergeben. Nominiert dafür waren drei junge, vielversprechende Debütanten des Frühjahrs: Leif Randt, Helene Hegemann und Ulrike Almut Sandig. Es wurde dann auch ein vielversprechender, wilder und interessanter Abend. Es wurde gelesen, es wurde gelacht und diskutiert. Klar wurde vor allem eins: die Stimmen der Gegenwart sind ganz verschieden. Das Publikum stimmte ab: Ulrike Almut Sandig gewann das größte Silberschwein, Leif Randt das zweit- und Helene Hegemann das drittgrößte.