Ende

Und dann war das Festival plötzlich zu Ende. Lesungen, Gespräche, Menschen, die man von Ort zu Ort immer wieder traf: Das alles versank in der letzten Nacht. Hans Nieswandt legte Musik auf, das Bier war kostenlos. Jemand sagte, Matthias Brandt sei bei der Ghostwriter-Lesung großartig gewesen. Jemand fragte, was wohl in der Zwischenzeit im Fernsehen geschehen sei. Jemand sagte, die lit.cologne sei immer nur so gut wie die Begegnungen, die auf ihr stattfänden, mehr Begegnung als in den letzten Tagen sei kaum möglich, alles wäre geradezu aufeinander eingestürzt. Jemand spielte auf der Tanzfläche Luftgitarre, jemand organisierte Taxis. Am nächsten Morgen war der Himmel sehr blau über Köln. Nur noch ein Jahr bis zum nächsten Mal!

Live: T.C. Boyle, 21.16 Uhr

tcboyleDer Mann im kanariengelben Jacket ist Schriftstellerlegende T.C. Boyle. Er hat gerade in seiner zweiten Show des Tages vor ca 900 Zuschauern aus seinem neuen Roman gelesen, vor allem aber hat er aber von seiner Frau geschwärmt. Frau Boyle muss eine ganz fantastische Frau sein, die den ganzen Tag auf dem Sofa liegt und Bonbons isst. Und T.C. Boyle verdient das Geld für diese Bonbons mit großartigen Romanen und brüllend komischen Abenden wie diesem. Jetzt gerade schreibt er hinter uns Autogramme und angesichts der langen Schlange wird das noch eine Weile dauern.

Live: Briefe an Hitler

lichtgestaltenVier Lichtgestalten auf der Bühne des Schauspielhauses – aber kein helles und leichtes Thema. Gudrun Landgrebe und Florian Lukas lasen aus Briefen der deutschen Bevölkerung an Hitler. Bedrückende Unterwerfungsgesten, Zeugnisse einer unbedingten Huldigung, die zum Nachdenken anregen. Im Gespräch mit dem Herausgeber der Briefe, Henrik Eberle, war über die Herkunft der Briefe und seine Recherchearbeit in Moskauer Archiven mehr zu erfahren. Leider entwickelte sich die Diskussion nicht ganz so aufschlussreich, wie es bei diesem Thema wünschenswert gewesen wäre.

Das Gerücht: Tanzvergnügen

Gerüchten zufolge soll heute Abend im Festivalcafe eine Tanzorgie stattfinden. Gestern ging es ja eher ruhig und gesittet zu.iris-hanika

Tagesplan, Samstag

Das ging aber schnell: Plötzlich ist Samstag, plötzlich ist schon der letzte Tag der lit.cologne, morgen ist alles wieder vorbei. Heute dafür gibt es noch einmal das volle Programm, lauter tolle, verlockende Veranstaltungen als krönender Abschluss.

Wir haben uns vorgenommen: Um 17.00 Uhr lesen Gudrun Landgrebe und Florian Lukas aus Briefen an Hitler, welche von Henrik Eberle in Moskauer Archiven entdeckt und ausgewertet wurden.

Um 19.30 Uhr liest der amerikanische Star-Autor und Hammertyp T.C. Boyle im Theater am Tanzbrunnen – das darf man nicht verpassen!

Was für eine Nacht. Götterdämmerung. The final countdown.

Bin ich schön?

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Presseschau: Samstag

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fasst Oliver Jungen kurz die Veranstaltung zusammen, die 3Sat auf der lit.cologne gedreht hat: Bei “Scobel” trat der große alte Mann der amerikanischen New Journalism-Reportage, Guy Talese, auf – und las unter anderem seine legendäre, fast ein halbes Jahrundert alte Reportage über Frank Sinatra vor, für die er Mitte der 1960er Jahre Sinatra über ein Vierteljahr hinweg konstant beschattete. Jungen beschreibt die Zurichtung, die Fernseh-Dramaturgie an den Lesenden verübt, die zu reinen “Moderatoren-Schoßhündchen” degradiert werden; am meisten leid tut einem der Publizismus-Publizist Lutz Hachmeister, der nicht einmal auf der Bühne sitzen durfte.

Die Kölnische Rundschau war beim Ilse Weber-Abend im Schauspielhaus dabei und tief berührt:  “Moderatorin Elke Heidenreich, die dem Abend behutsam das historische Gerüst einzog, erkannte einen „lebenslustigen, kreativen Menschen, der am Ende fast versteinert wirkt“.

Und, sehr interessant, da bilanzierend: Martin Oehlen zieht im Kölner Stadt-Anzeiger als Resummee des Festivals, dass diese neunte Ausgabea anders als alle vorausgegangenen lit.colognes war:

“Die lit.Cologne, die an diesem Samstag endet, kam zehn Tage lang so politisch und philosophisch daher wie keine Ausgabe des großen Literaturfestivals zuvor. Zumal die Kriegskrisenherde der jüngeren Vergangenheit hatten im Programm einen prominenten Platz. Das mag eine Laune der Verlagsproduktion sein. Der Brisanz und Intensität des Festivals hat es nur gut getan.”

Außerdem lobt Oehlen noch, dass die Kölner trotz “Krisengebimmels” nicht vor dem Kartenkauf zurückgescheut hätten und wohl abermals mit 65000 Besuchern eine Spitzenzahl von Lesungs- und Literaturinteressierten erreicht würde.

Carpaccio-Kritik

Position Zwei der ausgewählten Speisekarte im Festivalcafes lautet: Rindercarpaccio mit gehobeltem Parmesan an Rucolasalat mit Himbeer- Balsamicodressing. Wir haben es jeden Tag probiert (neun Tage lang) und analysiert, um hier und heute eine fundierte Kritik dieser italienischen Vorspeise schreiben zu können. Zuerst: in diesen neun Tagen bekamen wir das Carpaccio in gleichbleibend guter Qualität serviert, nur die Qualität des gereichten Brotes variierte: mal gab es ein frisches Ciabatta-Brötchen dazu, in drei dicke Scheiben geschnitten, mal gab es krümeliges Baguette, offenbar nicht mehr ganz so frisch. Ansprechend angerichtet war das Carpaccio immer: Zuunterst das dünne Fleisch, darauf ein Strauß Rucolasalat, garniert von Parmesanhobeln, einer aufgeschnittenen Cocktailtomate und etwas gelber Paprika. An einem der neun Tage fanden wir auch etwas Mais im Rucola. Salat wie Fleisch bestachen durch hohe Qualität und Frische und harmonierten hervorragend. Leider stellten wir uns immer wieder die Frage: Wozu das Himbeer-Balsamicodressing? Ein schlichteres Dressing würde die Einfachheit des Gerichts positiv unterstreichen und dem zarten Geschmack des Fleisches gerechter werden. So trumpft die Himbeere mit ihrer vordergründigen Süße auf – das Carpaccio hat das Nachsehen.

Versäumt: Kaminski on air, gestern, 19:30 Uhr

Einer der Fahrer sagte uns: Sagenhaft, das sei einfach sagenhaft gewesen: Groß und wild und brüllend komisch! Stimmt das? Ja?

Versäumt: Simone Veil, gestern, 20:30 Uhr

Die Einladung von Simone Veil zu dieser lit.cologne darf sicherlich als Ereignis ersten Ranges gelten. Veil verkörpert mit ihrer Lebensgeschichte nicht nur einen Weg durch das vergangene Jahrhundert, sie ist auch und unbedingt eine Kronzeugin des Kampfes für Emanzipation und Gleichberechtigung. Und sie ist, man möchte all das in keine Rangfolge bringen, auch eine Wegbereiterin europäischer Politik und europäischer Einigung. Ihr Auftritt am letzten Wochenende dieses Lesefests kann daher auch als so etwas wie eine viele andere vorangegangene Lesungen ergänzende und erweiternde Veranstaltung gelten: Lesungen zur Politik, zur Geschichte, aber ebenso etwa auch die “Bitterfotze”-Lesung mit Protagonistinnen einer neuen Generation des Feminismus wurden so großartig abgerundet und ergänzt.
Schändlicherweise indes hat dieser Blog Simone Veils Lesung und ihr Gespräch mit Sabine Christiansen verpasst. Wer war dabei, wer hat etwas gesehen, wer kann kurz davon berichten? Wir würden uns sehr freuen!