„Ich wandre durch Theresienstadt“: Abend für Ilse Weber, gestern, 19:30 Uhr

Die Musiksoziologin Ulrike Migdal hat durch viele große Zufälle über Jahrzehnte hinweg Material in die Hände bekommen, das jetzt erst veröffentlicht werden konnte und das  Ilse Weber als Mensch und als Autorin wieder auferstehen lässt. Die Veranstaltung im Schauspielhaus zeichnete die Geschichte dieser unglaublichen Funde und der Person, die man dank ihrer nun kennen lernen kann, behutsam und sorgfältig nach.

Das galt auch und vor allem für die Moderatorin Elke Heidenreich. Man kann durchaus finden, dass sie bei ihren Vorstellungen von Gegenwartsliteratur und auch in ihrer Sendung „Lesen“ bisweilen nicht einfach nur charismatisch und eloquent ist, sondern das Geschehen mit ihren subjektiven Eindrücken und Vorstellungen oft derart überforciert lenkt, dass die Meinungen der anderen Diskutanden und die Bücher selbst dahinter bisweilen verschwinden können. Dem schweren Thema der 1944 mit ihrem kleinen Sohn in Auschwitz ermordeten Ilse Weber aber näherte sie sich mehr von der Seite, leitete zwar in ihrem Gespräch mit Ulrike Migdal durchaus alle Wendungen und Themenwechsel, ließ aber dennoch viel Raum für die Texte und für die klaffenden Lücken in Webers Geschichte, die mit Worten nicht auszufüllen sind.

Hauptperson des Abends war so Ilse Weber allein, und das war auch gut so. Aus ihren Briefen an ihre Jugendfreundin, vereinzelten literarischen Texten und den späteren schrecklich traurigen Briefen an ihren nach Schweden geretteten älteren Sohn erstand sie als ungläubig beobachtende, zutiefst humanistische Zeugin der schleichenden Barbarisierung rund um sie herum auf. Zugleich aber wurde bereits aus ihren wenigen literarischen Zeugnissen – äußerst eindrucksvoll und angenehm karg emotionalisiert gelesen von einer Schauspielern des Ensembles – deutlich, an wie kleinen Details die schleichende Vergiftung des Alltags ablesbar war. In dieser Art einer Chronik erinnern Webers Texte  an große Zeugnisse der Erinnerung an Nationalsozialismus und Shoa, wie sie für immer mit den Namen Anne Frank und Victor Klemperer verbunden sind. Das jetzt  neuerschienene Buch „Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt“ ist zu entdecken.

Weniger abgerundet als erweitert wurde der Abend durch ein letztes Element, das vom Programm her gut gewählt war. Die Lieder, die die Mezzosoporanistin Anne Sofie von Otter zu Klavierbegleitung sang, stammten allesamt entweder aus dem Umkreis Webers oder waren in den nationalsozialistischen Lagern gedichtet und gesungen worden. Mit großer, keineswegs wohlfeiler Intensität endete der Abend so mit dem grausig-fatalistischen Lied der Menschen von Theresienstadt – und damit an genau jenem Ort, an dem Ilse Webers Schreiben für immer aufzuhören gezwungen wurde.

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