Presseschau: Dienstag / lit.cologne allgemein

In der Kölnischen Rundschau und im Kölner Stadt-Anzeiger gibt es kurze  zusammenfassende Artikel zur Diskussion über Nicholson Bakers „Menschenrauch. Wie der 2. Weltkrieg begann und die Zivilisation endete“. Der Stadt-Anzeiger bringt auch noch eine Kritik zu Corinna Harfouchs großem Theaterbrocken vom Sonntag, bei dem sie nacheinander in drei mythische Frauengestalten schlüpfte:

„Große Schauspielkunst, wie Harfouch mit Stimme, Mimik und Gestik die Figuren charakterisiert; zwischendurch aufspringt, um etwa das pompöse Gehabe des Frauen-Helden Theseus zu zeigen.“

Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird die Baker-Diskussion besprochen – und ihre mangelnde Besucherschaft weniger beklagt, als ziemlich scharf kritisiert:

„Es ist peinlich, aber bezeichnend, dass das Haus bei dieser hochkarätigen Veranstaltung gerade mal zu einem Drittel gefüllt war, obwohl die Kölner sonst der „lit.cologne“ die Türen einrennen.“

Angedeutet wird damit offensichtlich, die lit.cologne funktioniere nur über  populärere Veranstaltungen mit großem Star-Aufgebot, wo aber es nur noch um Literatur und Argumente gehe, trage  das Festival-Konzept nicht mehr.

Derartige Einwände gegen die lit.cologne, die man gemeinsam mit dem Lesefest der Leipziger Buchmesse durchaus als Pioniere von massenkompatibleren „Lesungen jenseits der reinen Wasserglaslesung“ beschreiben kann, sind sicherlich zumindest punktuell triftig. In diesem Blog muss unbedingt darüber nachgedacht werden, ob Staraufgebot und populäre Abende tiefer- und weitergehende Beschäftigung mit Literatur verhindern – oder aber doch fördern, da mittels populärer Angebote wenigstens die Leute aus dem Haus und in den Lesesaal geholt werden.

In der heutigen TAZ jedenfalls kann Christian Werthschulte in einem kleinen Zwischenresummee des Lesefests nicht ganz entscheiden, ob er das alles nun eher gut oder schlecht findet: Er schreibt zwar,

„Egal ob T. C. Boyle, Pulitzerpreisträger Junot Diaz oder Richard David Precht – es sind die großen Namen, mit denen das Festival auf sich aufmerksam macht. Und die vermutlich auch notwendig sind, um die kleineren Veranstaltungen in ihrem Schatten überhaupt möglich zu machen. Dabei ist den Veranstaltern ein gewisser Hang zur allzu vorhersehbaren Geschmackssicherheit nicht abzusprechen.“ – kommt dann am Ende dann aber doch zu dem Schluss, von den gesehenen Lesungen Appetit auf noch mehr  Vorlesestunden gemacht bekommen zu haben. Und das ist ja schon mal gar nicht wenig.

3 Kommentare

  1. Geschmacksicher lassen wir uns gerne nennen. Aber gegen dieses alte langweilige Argument gegen das böse Staraufgebot, das die tiefergehende Beschäftigung verhindert, muss ich mich verwehren.
    1. Warum sollte ein Name die Beschäftigung mit einem Text verhindern? Das würde ja bedeuten, dass T.C. Boyle im Idealfall jedes Buch unter einem anderen Namen veröffentlichen muss.
    2. Große und kleine Veranstaltungen ergeben die gute alte Mischkalkulation, ein wnderbares Prinzip, das jeder Verlag anwendet.
    3. bin ich ja fast gerührt, dass uns pädagogische Absichten unterstellt werden: Puitzerpreisträger + populäres Thema = eine Couchpotato in einer Lesung, große Sache. Aber so ist es nicht. Wir müssen unser Publikum nicht erziehen, denn es ist schlicht großartig. Und wir wollen es auch gar nicht erziehen, wir sind nämlich keine Pädagogen. Wir wollen Bücher, Themen und Autoren entdecken und unserem Publikum zeigen.

  2. Besten Dank für diesen Kommentar!
    Bloß als Einwurf zu Punkt 3: Schön, wenn sich die Programm-Macher nicht als Pädagogen verstaden wissen wollen. Aber mit grob 70.000 Lesungsbesuchern pro Jahr bewegt sich das Festival dennoch in Höhendimensionen, bei denen wohl schon darüber nachgedacht werden darf, warum und wozu Lesungen überhaupt durchgeführt werden. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Lesungen in Deutschland vielerorts als Kultur- und Bildungsförderung vom Staat finanziert werden – die lit.cologne sich aber privat und über Sponsoren selbst trägt. Ein riesiges Lesefest kann sicherlich nicht nur an Parametern wie „Autoren-Entdecken“ und „Unterhaltung“ gemessen werden, es hat unbedingt auch mit „Bildung“ zu tun, im besten Fall natürlich alles auf einmal, oder nicht?

    • Unbedingt geht es auf der lit.COLOGNE neben Scherz nd Spielerei um tiefere Bedeutung, sprich Bildung. Bildung auch mal in einer bunten Verpackung, auf der vielleicht „Barbara Rudnik“ oder „Matthias Brandt“ steht, aber erstens nicht nur wegen des Effekts und zweitens nichts zwangsläufig.
      Es greift zu kurz, unserem Publikum zu unterstellen, dass es reflexhaft nach dem größten Prominamen schnappt. Gestern bei Josef Winkler und Michael Stavaric habe ich eine Frau belauscht, die sagte, sie ginge jeden Tag auf eine Lesung: gestern zu Johanna Adorjan, heute zu Josef Winkler und morgen zu Aleksandar Hemon. Ich musste weinen und habe ihr meinen Teamausweis geschenkt.
      Also: Bildung schreiben wir uns gerne auf unsere großen orangen Fahnen, Volkserziehung eher nicht.


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